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Die OPSG im Dialog

Fachbeitrag
Interview mit dem Sprayer Rene Turrek | 14.10.2003

“WEST” ist das Pseudonym des 26-jährigen Rene Turrek, eines Graffiti-Malers, der seit kurzem in Münster lebt. Der gelernte Lackdesigner zog sich vor Jahren aus der illegalen Szene zurück und konzentriert sich auf die professionelle Gestaltung von Auftragsarbeiten.

OPSG: Wie lange malst du schon Graffiti?

West: Ich denke, dass ich vor etwa acht Jahren mit dem Malen begann. Durch Freunde wurde ich auf die Graffitikultur aufmerksam und habe dann begonnen meine eigenen Bilder zu malen.

OPSG: Heute bist du Auftragsmaler und hast das größte Graffiti der Welt als Auftragsarbeit gemalt. Wie bist du dazu gekommen?

WEST: Ich habe vor einiger Zeit in Steinfurt für die Firma ROLINCK-Pilsener einen Auftrag gemalt. Durch diese Referenz kam ein Kontakt zur Firma HAHN-Haustextilien zustande. Für diese Firma habe ich dann auf über 800 qm das Fabrikgebäude besprüht.

Zurzeit beschäftige ich mich mit der Planung für die Innengestaltung der Skihalle in Bottrop. Dabei werde ich ein Graffiti auf etwa 1600 qm gestalten. Die Grundidee liegt darin, das Innenleben eines Kohlekraftwerkes darzustellen. Um die Perspektive des dreidimensionalen Graffiti zu verstärken, integriere ich Holzplanken in das Graffiti.

OPSG: Wie lange bist du mit einem derart aufwendigen Auftrag beschäftigt?

WEST: Ich kann in der Halle nur nachts arbeiten, da tagsüber dort Betrieb ist. Die Umsetzung wird sich auf maximal zwei Monate beschränken.

OPSG: Beschränkst du dich auf das Malen von Fassaden?

WEST: Nein. Erstmal muss ich dazu sagen, dass es sehr schwer ist, als Jungunternehmer zu existieren, und genau aus diesem Grund biete ich eine große Palette an farblicher Gestaltung an. Dazu gehört das Garagentor eines privaten Hausbesitzers genauso wie die Gestaltung von Großaufträgen von Unternehmen. Aber ich gestalte auch Kraftfahrzeuge, Porzellan, Computer, Mobiliar … eigentlich alles, was mit Farbe zu gestalten ist.

OPSG: Für die Lackierung von Kraftfahrzeugen oder Porzellan werden Kenntnisse des Lackiererhandwerks benötigt!

WEST: Ich habe anderthalb Jahre eine Lackiererausbildung gemacht und wechselte dann den Ausbildungsplatz zum Lackdesigner bei der Firma Peter Stücker in Sassenberg. Dabei kam eine Zusammenarbeit mit Luigi Colani in Füchtorf zustande. Bei dieser Arbeit habe ich in Sachen Design “fürs Leben gelernt”. Grundierung und Versiegelung von Lacken gehören natürlich zum Grundhandwerk. Durch die Zusammenarbeit mit Colani habe ich auch Erfahrungen im Bereich Formgebung gesammelt. Das heißt, ich entwerfe auch Skulpturen aus verschiedenen Werkstoffen wie Holz, Ytong, Gips, Stein, Metall oder ähnlichem.

In den letzten Jahren habe ich einige Aufträge für die Firma ROLINCK-Pilsener gemacht. Außerdem zum Beispiel für die Unternehmen ERDINGER-Weißbier, SIEMENS, GRUNDIG, NIVEA, sodaMAX, MILKA, BASIC-Shoes and Sportswear und andere.

Interessant war für mich auch die Gestaltung eines Tanklastzuges. Der Anhänger bestand aus einem röhrenförmigen Aufbau. Darin lag eine besondere Herausforderung, da die Gestaltung des runden Körpers besondere Ansprüche an das Auftragen des Farbdesigns stellte.

Für die Stadt Georgsmarienhütte gestaltete ich vor einem halben Jahr einen zwanzig Meter hohen Aussichtsturm – ohne Gerüst und mit viel Höhenangst auf einem Hubwagen. Das war auf jeden Fall sehr amüsant.

OPSG: Hast du von Anfang an legale Graffiti gemalt?

WEST: Nein. Wie es leider bei vielen anderen Sprayern auch so ist, habe ich mich erst auf das illegale Bomben konzentriert. Das illegale Malen hat dann sein Ende gefunden, als ich von einem anderen Sprayer “verpfiffen” wurde. Kurze Zeit darauf stand die Polizei mit einem gelben Zettel in der Hand bei mir vor der Wohnung. Das war der Durchsuchungsbeschluss für meine Wohnung. Später kam dann die Gerichtsverhandlung, wo die Beweise gegen mich klar auf dem Tisch lagen und ich nichts mehr leugnen konnte. Das Urteil lautete dann zwei Jahre Haft auf Bewährung. Außerdem musste ich noch die Schäden zurückzahlen. Meine Bewährungshelferin hat meine Bilder gesehen und war der Meinung, dass ich mit den Graffiti auch Geld verdienen könnte. Sie hat dann den Stein mit den Auftragsarbeiten ins Rollen gebracht. Das Ganze ist jetzt etwa vier Jahre her. Aus dem Verfahren habe ich für mich wichtige Schlüsse gezogen und seitdem keinen Farbklecks auf eine illegale Fläche gesetzt. Meine Einstellung zu Graffiti hat sich seitdem grundlegend geändert.

OPSG: Wie beurteilst du heute deine illegalen Aktionen der Vergangenheit?

WEST: Ich habe mir früher keine Gedanken über die Konsequenzen gemacht. Ich wusste natürlich, dass das Malen illegaler Graffiti verboten ist, aber das hat mich damals nicht weiter gestört. Erst als ich dann zur Verantwortung gezogen wurde, spürte ich die Konsequenzen und kapierte dann, was mit mir passiert und wie weit die Konsequenzen gehen können.

Heute stehe ich ganz hinter der legalen Seite. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, wird mir auch die Seite der Geschädigten bewusst. Die Jugendlichen, die jetzt illegale Bilder malen, sehen die Sache so, wie ich vor Jahren, als ich noch illegal malte. Ich finde es daher wichtig, dass Aufklärungsarbeit geleistet wird, damit sich die Kids über die Folgen im Klaren sind. Deshalb habe ich später Graffiti-Workshops für Jugendliche durchgeführt, bei denen ich nicht nur das künstlerische Malen mit der Spraydose vermittelte. Ich habe den Kids auch die bitteren Folgen des illegalen Malens aufgezeigt und ihnen meine Rechnungen über die zivilrechtlichen Forderungen vorgelegt.

OPSG: Welchen Stellenwert hast du als legaler Maler heute in der Szene?

WEST: Im Prinzip ist es mir völlig egal, was andere Sprayer über mich und meine Arbeit denken. Ich habe vor sieben Monaten ein Bild an einer Hall of Fame im Osnabrücker Raum gemalt, das bis zum heutigen Tag noch immer existiert. Daran erkenne ich, dass der Respekt in der Szene da ist. Ich frage niemanden aus der Szene, wie sie meine Bilder beurteilen. Meines Erachtens nach ist das eine Frage des persönlichen Geschmacks … und darüber lässt sich bekanntlich streiten. Viel wichtiger ist mir da schon die Ansicht meiner Freundin.

Ich sprühe mit verschiedenen Leuten der Szene zusammen. Mir ist wichtig, dass die Leute, mit denen ich malen gehe, keine krummen Dinger durchziehen, bei denen ich unbewusst mit verwickelt werden könnte. Ich habe mir das Ziel gesetzt, mein Ding legal durchzuziehen und von meinem eigentlichen Hobby leben zu können. Ich bin ein Individualist, der sich nicht von Sprayern beeinflussen lässt, die die Szene mit illegalen Aktionen zu beeindrucken versuchen. Ich denke, dafür braucht man ein Stück Charakterstärke, da in der Szene viel gemobbt wird und man dem Druck einfach trotzen muss.

OPSG: Kritiker der Szene werden jetzt sagen, du hast dich “angepasst” und verfolgst nicht mehr den “Geist” der Graffiti-Kultur!

WEST: Nonsens! Graffiti wird zusammen mit Hip-Hop gezielt vermarktet. Dahinter stecken auch ganz klare kommerzielle Interessen von Leuten, die mit der Kultur Geld verdienen wollen. Dazu gehören verschiedene Hersteller von Farbsprühdosen und Herausgeber von professionellen Hip-Hop-Magazinen. Als ich anfing Graffiti zu malen gab es derartige Magazine nicht – heute findest du so etwas an jeder Tankstelle. Dabei finde ich den Kommerz absolut nicht schlimm. Tragisch ist nur, dass einige Leute mit der Kommerzialisierung des “illegalen” Graffiti fettes Geld verdienen und damit Jugendliche in ein soziales Abseits befördern. Das ist verantwortungslos und darüber sollten diese Leute mehr nachdenken.

Wer passt sich denn eigentlich an? … Der Jugendliche, der illegal sprüht, weil der profitsüchtige Sprühdosenhersteller illegales Graffiti als cool vermarktet. Viele Jugendliche werden doch vom Netz simpler Marketingstrategien eingefangen. Passt sich nicht der Jugendliche an, der nicht genügend Stärke beweist, sich diesen Strategien entgegenzustellen? Das ist sicherlich eine Frage des Blickwinkels.

Viele illegale Maler hassen zwar den Kommerz, aber wenn du in deren Wohnung schaust, findest du die ganzen farbenfrohen und kommerziellen Magazine. Wenn man ehrlich ist, will jeder Sprüher mit seinem Hobby Geld verdienen und sich sein Leben lang mit Graffiti beschäftigen.

OPSG: Was würdest du einem Jugendlichen raten, der sein Interesse für Graffiti entdeckt?

WEST: Als allererstes würde ich ihm von illegalen Aktionen abraten, weil es ne Menge Geld kostet und viel Ärger mit sich bringt. Einige der Jugendlichen sollten im Duden die Definition des Wortes “RESPEKT” nachschlagen, damit sie überhaupt kapieren, dass es sich dabei nicht nur um ein Wort mit sieben Buchstaben handelt, sondern um eine wirklich bedeutende geistige Einstellung.

Mir ist in Münster an der Hot Wall (Anmerkung: eine legale Wand am Industrieweg) aufgefallen, dass viele coole Bilder von irgendwelchen nichts ahnenden Rebellen absichtlich gecrosst wurden. Diese TOYS verstehen wirklich nichts von Graffiti und RESPEKT.

Die Jungs sollen natürlich an der Hot Wall malen. Aber sie sollen gute Bilder respektieren und darin einen Ansporn sehen, selbst zu üben und gute Graffiti-Maler zu werden.

OPSG: Du wohnst seit kurzer Zeit in Münster. Was zeichnet Münster deiner Meinung nach aus?

WEST: In Münster gibt es wirklich talentierte Graffiti-Maler. Dazu gehört auch ein sehr guter Charaktermaler. Ich freue mich immer wieder, wenn ich in der Szene Maler kennen lerne, die Charakterstärke zeigen, gute Bilder malen und ihr Ding legal durchziehen.

OPSG: Wir danken für das Interview.

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