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Redaktion: Ist Graffiti Kunst?
Sprayer: Meiner Meinung nach definitiv. Alle Sprayer unterscheiden sich und sind individuell in ihrem Stil. Die Entwicklung und Umsetzung einer Idee hängt von der persönlichen Entwicklung eines jeden Sprayers ab. Jeder der sprüht, macht das aus seinem persönlichen Drang. Er verarbeitet die Eindrücke aus seiner Umgebung und teilt sich anderen mit. Graffiti ist schon Kunst, denn Kunst ist auch immer provokativ.
Redaktion: Wenn Kunst von ‚können‘ kommt, ist dann wirklich jedes Graffiti in der Stadt auch Kunst?
Sprayer: Man kann die TAG´s nicht von Graffiti trennen. Das hängt auch mit der Entwicklung der Graffitikultur zusammen. Nicht alle Graffiti sind aufwändig gestaltet. TAG´s dienen hauptsächlich der Verbreitung des eigenen Namens.
Redaktion: Warum malen Sprayer Graffiti an Hauswände, Busse und Züge - wo liegt der Reiz?
Sprayer: Die Wände liegen in einem öffentlichen Bereich. Deshalb ist es für Sprayer interessant, diese Flächen zu besprühen. Die Bilder sollen schließlich viele Menschen sehen.
Redaktion: Die meisten Menschen können die TAG´s nicht deuten. Was wollen die Jugendlichen mit ihren Schriftzeichen zum Ausdruck bringen?
Sprayer: Die TAG´s müssen für die Leute nicht lesbar sein. Die Jugendlichen interessiert es nicht so sehr, ob andere den Schriftzug lesen können. Es geht mehr darum, dass die Jugendlichen aus der Graffiti-Szene die TAG´s erkennen. Und es geht darum, ihre Präsenz im Stadtviertel zu zeigen.
Redaktion: Geht es auch um Provokation der Gesellschaft?
Sprayer: Nein, das ist nicht die Motivation. Es geht mehr darum, der Szene in der Stadt zu zeigen: Hier bin ich!
Redaktion: Wie hat sich die Szene entwickelt? Wie gehen die Jugendlichen miteinander um?
Sprayer: Die Szene hat sich gewandelt. Früher gingen die Jugendlichen viel respektvoller miteinander um. Heute ist Graffiti sehr kommerziell geworden. Früher wurde zum Beispiel ein Bild eines Sprayers durch einen anderen Sprayer nicht übersprüht, außer, wenn ein besseres Bild über das alte Graffiti gesprüht wurde. Heute kümmern sich viele nicht um den Respekt des Sprayers, die Bilder werden stumpf übermalt. Regeln, die früher innerhalb der Szene beachtet wurden, interessieren heute nur noch wenige. Die Sprayer sind jetzt jünger. Und auch der Umgangston hat sich gewandelt, er ist rauher geworden.
Redaktion: Welchen Stellenwert hat die Polizei in der Szene?
Sprayer: Wer illegal sprüht, begibt sich in ein Katz-und-Maus-Spiel. Das macht für viele den Thrill aus. Soweit ich das einschätzen kann, wird die Polizei jedoch nicht als Feind angesehen. Die Leute sprühen auch nicht, um die Polizei zu ärgern, sondern sie überlegen sich halt, irgendwo ihr Graffiti zu malen.
Redaktion: Liegt nicht ein Widerspruch vor, wenn Jugendliche auf der einen Seite ganz bewusst illegal sprühen und auf der anderen Seite die daraus resultierenden Maßnahmen der Polizei und auch die Polizei als Behörde verteufeln?
Sprayer: Im Grunde nicht, denn wenn die Jugendlichen losziehen, haben sie nur das Sprayen im Kopf und denken nicht an die möglichen Folgen.
Redaktion: Erhoffen sich Jugendliche, dass illegales Graffiti irgendwann als eine legitime Form von Kunst akzeptiert wird und Geschädigte dann ihre Ansprüche auf Schadensersatz und Strafverfolgung verlieren?
Sprayer: Nö, das interessiert sie in dem Moment überhaupt nicht. Einigen geht es sicher einfach nur um das Illegale, um den Thrill. Die Mehrzahl möchte sich durch Graffiti mitteilen - (künstlerisch) ihre Message rüberbringen und auffallen.
Redaktion: Haben jugendliche Sprayer keinen Respekt mehr vor dem Eigentum Anderer? Sie selbst wollen doch auch nicht, dass ihre Klamotten bemalt oder ihre Bilder übersprüht werden.
Sprayer: Respekt besteht heutzutage nicht mehr und nicht weniger als früher. Besprüht werden nur anonyme Blocks in Wohnvierteln - das Einfamilienhaus, das einer bestimmten Person zuzuordnen ist, bleibt in der Regel verschont.
Redaktion: Worin siehst du die Ursachen für das illegale Sprayen der Jugendlichen?
Sprayer: Ich glaube, dass es sich auch um pubertäres Verhalten handelt. Die Jugendlichen wollen ‚Action‘ machen. Während Erwachsene die Tragweite von Graffiti diskutieren, machen sich Jugendliche nicht so weitreichende Gedanken. Sie denken an den Adrenalinstoß in dem Augenblick und daran, dass schon alles gut gehen wird.
Redaktion: Was würdest du einem 13-Jährigen raten, der sich für Graffiti interessiert?
Sprayer: Wer eine „Sprayerkarriere“ durchlaufen hat, wird einige Male dabei auf die Fresse gefallen sein. Entweder kommt dann der Punkt, an dem der Jugendliche rafft, dass illegales Sprayen viele Probleme mit sich bringt, oder er rafft es nicht. Das ist auch eine Frage der Intelligenz. Ich würde ihm raten, sich erst mal mit der Materie auseinanderzusetzen. Dann soll er sich eine Dose nehmen, um an legalen Flächen zu checken, ob Graffiti überhaupt sein Ding ist. Alles andere kommt von selbst. Es gibt ja auch genügend legale Projekte in Münster, wo Jugendliche sprühen können.
Redaktion: Was hat dich dazu bewogen, dich aus der illegalen Szene zurückzuziehen?
Sprayer: Ich hatte einfach irgendwann genug davon: Nachts sprayen, vor der Polizei abhauen, gepackt werden ... Ich habe in meinem Leben genug Geldstrafen bezahlt und Sozialstunden abgeleistet. Mir reichte es einfach. Deshalb sprühe ich schon länger nur noch auf legalen Flächen oder auf Leinwand.
Redaktion: Wir danken dir für das Gespräch.
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