Logo: OPSG
Interviews
Alle Interviews im Überblick ...

Polizeireport
In der Rubrik Aktuelles halten wir aktuelle Themen aus Münster bereit.

Newsletter

Für Betreiber von Internetseiten, die auf dieses Informationsangebot aufmerksam machen möchten, halten wir Werbebanner bereit.

> weiter

Interviews
Alle Interviews im Überblick ...
Die OPSG im Dialog

Fachbeitrag
Interview mit Andreas | 06.06.2003

Wir trafen Andreas beim "Meeting of Styles" in Münster. Andreas ist 18 Jahre alt und sprüht Bilder, die auch Kritikern dieser Jugendkultur klar machen, dass Graffiti Kunst sein kann.

OPSG: Andreas, wie bist du zum Sprayen gekommen, und was macht für dich das Besondere dieser Jugendkultur aus?

Andreas: Also, gemalt hab ich immer schon gerne, aber irgendwann im Jahr 2000 hab ich zum ersten mal Buchstaben gemalt, inspiriert durch illegale Werke, die ich an Brücken und Lärmschutzwänden an der Autobahn gesehen hatte. Ich weiß nicht warum, aber es hat sich zu ner Art Sucht entwickelt, die Buchstaben seit dem immer mehr zu verbiegen, zu verdrehen, und immer wieder in neue Formen zu bringen. Das Besondere für mich an dieser Jugendkultur ist, dass sie verbindet. Man kann über diese Kunst schnell neue Leute kennen lernen, in erster Linie andere Writer, aber auch Leute, die auf deine Kunst aufmerksam werden, und mit denen man dann ins Gespräch kommt. Man kann mit dieser Kunst Stress, Aggressionen und Gefühle auf der Wand zurücklassen. Deshalb male ich zum Beispiel nur böse Charakters und aggressive Styles ... Vielleicht auch, um ein wenig zu provozieren, was bei dieser von ihnen angesprochenen Jugendkultur auch eine nicht zu verachtende Rolle spielt.

OPSG: Dass Graffiti auch Kunst sein kann, zeigst du mit deinen Bildern. Bewertest du jedes Graffiti, das wir im Stadtbild von Münster finden, auch als Kunst?

Andreas: Ich habe von Kunst eine ganz andere Auffassung als viele andere. Kunst kommt meiner Meinung nach vom Wortlaut her von "Können"... Damit will ich sagen, man sollte nicht zu schnell Sachen als Kunst oder als Sch... bezeichnen, wenn man nicht nachvollziehen kann, wie viel Gehirnschmalz hinter dem Bild steckt. Da ich mich aber mit dem Thema Graffiti nun schon lange befasse, sehe ich mich schon im Stande, Bilder die sch... sind, von Bildern, die Kunst sind, zu unterscheiden. Meine Antwort lautet: Nein! Denn es gibt viele Toys, die rausgehen und keinen Plan von der Materie Graffiti haben, aber trotzdem irgendwie Farbe an die Wand rotzen und sich im Freundeskreis "Writer" nennen. Solche Sachen sind keine Kunst. Das dürfte auch für den Laien erkennbar sein. Andere Sachen, wie z.B. Bombings, die schlicht in Chrom und Teer, mit weißem Highlight gehalten sind, die für Otto Normalverbraucher einfach nur hässlich erscheinen, können für mich jedoch auch oftmals Kunst darstellen. Denn beim Graffiti kommt es in erster Linie nicht darauf an, dass es bunt wird, sondern auf den Style. Und den kann nur ein Writer erkennen! Ist der Style schwungvoll und elegant oder eckig und aggressiv oder halt einfach nur harmonisch, dann nenne ich das Kunst! Und das kann jemand, der von Graffiti keinen Plan hat, eben nicht nachvollziehen.

OPSG: "Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters!" Den meisten Bürgern gefallen grade illegale Graffiti, die unter Zeitdruck gemalt werden, nicht - schon gar nicht auf der eigenen Hauswand. Ist es aus deiner Sicht nicht eine Frage des Respekts, auch die Ansichten anderer über die Gestaltung ihres Eigentums zu achten?

Andreas: Ja, natürlich, sonst würde ich ja auch nicht nur auf legalen Flächen malen! Aber bei der zweiten Frage war nach dem künstlerischen Aspekt illegaler Pieces gefragt, und nicht nach deren Bewertung, ob es gut oder schlecht ist, sie bei anderen an die Wand zu setzen. Insgesamt kann ich nur sagen: Es gibt Häuser, die sehen verdammt sch... aus, weil sie nicht gepflegt werden und verwahrlosen. Auf solchen Häusern ist ein gekonnter Style in meinen Augen eine Aufwertung des Gesamtbildes. Aber leider gibt es auch viel zu viele Tags und billige Schmierereien, die ein schlechtes Bild auf die Szene werfen, da sie vom künstlerischem Aspekt her keinen Nährwert haben.

OPSG: Mit dem Projekt "Hot Walls" stellt die Ordnungspartnerschaft Graffiti den Jugendlichen legale Möglichkeiten zum Sprayen zur Verfügung. Die Jugendlichen sollen dabei das Umfeld frei von illegalen Graffiti lassen. Haben derartige Projekte aus deiner Sicht Aussicht auf Erfolg?

Andreas: Hot Walls? Plural? Wo sind denn die anderen??? Egal ... Sie haben bedingt Aussicht auf Erfolg. Ich denke, dass solche Wände stylebesessenen Menschen wie mir die Möglichkeit geben, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Jedoch Adrenalinjunkies, die nur den Kick suchen, bei denen die Intention beim Malen nicht einfach darin liegt, ne schöne Wand zu malen, sondern Zerstörung und das Bekanntmachen des eigenen Namens im Vordergrund liegt, bringt die Wand nichts. Zumindest verhindert man, dass Toys mit hässlichen Sachen auf illegale Wände gehen. Aber die Leute, die mit ihren Crews nachts rausgehen und das Stadtbild colorieren, die wird man mit einer solchen Aktion nicht beeindrucken können.

OPSG: Legale Wände sollen der Jugendkultur "Graffiti" einen Raum für legale Aktivitäten schaffen. Handeln die "Zerstörer" dann nicht gegen ihre eigene Jugendkultur und gegen Sprayer, die legale Angebote nutzen wollen?

Andreas: Gerade das ist ja das Problem! Graffiti ist in zwei Teile gespalten. Da gibt es auf der einen Seite Leute, die einfach nur bomben gehen, und auf der anderen Seite Leute, die eben die Kunst im Vordergrund sehen. Und natürlich noch zahlreiche Leute, die tagsüber künstlern und nachts bomben ... Aber wenn die Rede von den Zerstörern ist, dann sind das die Leute, die mit einer ganz anderen Absicht an die Sache gehen. Die wollen doch gar nichts mit uns zu tun haben. Denen ist es auch egal, ob wir ne Hot Wall bekommen oder nicht, weil sich für die dadurch nichts ändert. Also handeln sie nicht gegen ihre, sondern streng genommen gegen unsere Jugendkultur, nämlich die der legalen Writer, die auf solche Flächen angewiesen sind. Es ist schade, aber viele Leute raffen das halt einfach nicht. Ich wurde schon allzu oft von Passanten angepöbelt, weil die es einfach nicht checken. Die "Zerstörer" treten doch als solche in der Öffentlichkeit gar nicht in Erscheinung. Und wir bieten dann die passende Angriffsfläche für den Unmut der Leute!

OPSG: Wie haben deine Eltern auf dein Interesse für Graffiti reagiert?

Andreas: Die hatten streng genommen nichts dagegen. Mein Opa ist selbst Maler, aber auf Leinwand, Aquarelle und Öl. Ich hab von ihm das "Künstler-Gen" geerbt, und er ist es, der mich vor allem unterstützt, weil er mich in seine Fußstapfen treten sieht. Und mittlerweile werde ich von der ganzen Family als Graffitimaler akzeptiert, vor allem, wo sie sehen, dass ich nicht irgendwelchen Schrott fabriziere, sondern dass ich auch immer mehr Aufträge an Land ziehe. Klar, dass die sich einem dann nicht mehr in den Weg stellen!

OPSG: Warum malst du nur auf legalen Flächen?

Andreas: Weil’s chilliger ist. Und weil ich keinen Bock hab, mir in irgendeiner Weise die Zukunft zu verbauen. Was hab ich von irgendeinem Kick, wenn ich dafür später monatelang für lau arbeiten kann, bis ich das Geld abbezahlt habe? So viel ist mir kein Kick wert, dass ich womöglich in den Bau wandere und alle Zukunftspläne zerstört sind. Nee, nee, das können andere machen, da hab ich keinen Bock drauf. In Deutschland fragt keiner danach, wie gut du bist oder wie kreativ. Wenn du nicht die passenden Zeugnisse, Scheine und den entsprechenden Lebenslauf hast, kannst du dir die hohen Posten von der Backe putzen! Wenn in deinen Personalakten "vorbestraft" steht, ist man sofort 2., 3. oder letzte Wahl. Ich denke, es ist nicht übertrieben, wenn ich mich selbst als talentiert einschätze ... Um aus meinem Talent später das Beste machen zu können, kann ich ne Vorstrafe nicht gebrauchen ... Und das ganze gute Geld, was man da blechen muss! Wie viele Kannen könnte man sich von dem Geld kaufen, das man bezahlen muss, wenn man gecasht wird??? Auf jeden Fall genug!!!!!!!

OPSG: Was würdest du einem Jugendlichen raten, der sein Interesse für Graffiti entdeckt hat?

Andreas: Ich würde ihm raten, zuerst auf dem Papier zu üben. Kannen sind teuer und direkt an die Wand zu gehen, bringt nichts. Und dann sollte er sich Tipps geben lassen, von anderen Malern, wo man malen kann, wie man malt, über wen man nicht übermalen sollte usw.. Es ist wichtig, sich in der Hierarchie auszukennen, um es sich nicht von Anfang an zu verscherzen!

OPSG: Ich hab auch schon mitbekommen, dass du dich "Smoe" nennst. Was hat dieser Name zu bedeuten, und inwieweit identifizierst du dich mit diesem Pseudonym?

Andreas: Smoe ... Jaja, eigentlich hat der Name an sich keinen speziellen Sinn. Eigentlich hatte ich mir den Namen ausgesucht, weil ich ein S am Anfang, ein E am Ende und ein M (für Müssingen) in der Mitte haben wollte, da ich irgendwann rausgefunden hatte, dass mir diese Buchstaben liegen. Naja, dann hab ich mich umgeschaut, ob´s da schon welche gibt, die einen Namen in der Richtung haben, Sme, Sem, Same, some, Sine, Sime, Sewn, som ... Jaja, da gibt’s ne Menge, aber Smoe gibt’s soweit ich weiß nicht. Es meinte mal einer, es würd noch einen Smoe in Lingen geben, aber da ändert sich bei mir nichts mehr, der Name steht. Er ist ein Teil von mir, meine zweite Persönlichkeit, vielleicht sogar meine erste ... Ja, ich denke, Graffiti, und damit auch Smoe ist nicht mehr nur Hobby, so eine Nebensächlichkeit zum Leben. Nein, mein Leben ist, Writer zu sein, und sich den ganzen Tag mit diesen verflixten Buchstaben auseinander zu setzen. S, m, o und e ...

copyright: OPSG Münster